HGB-Reise nach Kairo

Bericht der HGB-Reise nach Kairo vom 15.07. bis zum 30.07.2006 im Rahmen des Projektes „Hiwar Fanni“

Die Reise der Studenten der HGB war der zweite Schritt des auf drei Jahre angelegten Austauschprojektes zwischen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), Leipzig und den Kunsthochschulen Helwan University, Kairo/Ägypten, der Lebanese University, Tripoli/Libanon und der University of Damascus/Syrien. Dem Besuch in Kairo soll ein Gegenbesuch der Studenten der Helwan University in Leipzig im Herbst 2006 folgen.

 

1. Reiseteilnehmer

Teilgenommen an der Reise haben Studenten und Meisterschüler der HGB, verschiedener Fachklassen, namentlich:
1. Alexander Pointinger; Medienkunst, Malerei
2. Bertram Haude; Bildende Kunst, Malerei
3. Elisabeth Hinrichs; Buchkunst, Grafik-Design
4. Eva Winckler; Buchkunst, Grafik-Design
5. Katharina Konrad; Buchkunst, Grafik-Design
6. Katrin Menne; Buchkunst, Grafik-Design
7. Laura Bielau; Fotografie
8. Manja Schönerstedt; Buchkunst, Grafik-Design
9. Martin Höfer; Medienkunst
10. Nadine Prange; Buchkunst, Grafik-Design
11. Friederike Koch; Malerei
12. Roozbeh Asmani; Medienkunst
13. Sandra Schubert; Fotografie
14. Shi Jinyu; Buchkunst, Grafik Design
15. Susanne Huth; Fotografie
16. Susanne Keichel; Fotografie
17. Tino Geiß; Malerei
18. Yvon Chabrowski; Fotografie
19. Prof. Rayan Abdullah
20. Prof. Frederick Henry Achim Best
22. Edgar Blume, Begleitung eurient e.V.
 

2. Ziele der Reise

Das Hauptziel der Kooperation zwischen der HGB und den Kunstfakultäten in Kairo, Damaskus und Beirut ist eine langfristige, persönliche und fachliche Zusammenarbeit der Partner. Eine Grundvoraussetzung dafür ist die Mobilität von Studenten und Mitarbeitern der Universitäten um einen Austausch zu ermöglichen. Diese Mobilität wiederum kann durch den gemeinsamen Aufbau von Studiengängen, die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen erreicht werden. Ziel des Projektes in der Anfangsphase ist es daher, die „Ist-Situation“ festzustellen um konkrete Schritte der Annäherung zu vereinbaren: Welche unterschiedlichen oder gemeinsamen Methoden und Arbeitsweisen werden in den einzelnen Fachbereichen angewendet, welche künstlerischen, ästhetische und technische Inhalte werden in den jeweiligen Lehrplänen vermittelt. Das Ziel der studentischen Workshops ist daher in erster Linie diese Vergleiche durch konkrete und praktische Arbeit der Studenten untereinander zu ermöglichen und zu dokumentieren. Durch die Arbeit in einer gemeinsamen Werksstatt soll ebenso der respektvolle Umgang miteinander und das kritische Reflektieren von Positionen, die von beidseitigen Erwartungen abweichen können, ermöglicht werden.

Die vorliegende Dokumentation stützt sich auf Protokolle von Tino Geiss (HGB) und Edgar Blume (eurient e.V.) sowie die Auswertung von Fragebögen, welche zur projektinternen Evaluation den Studenten zum Abschluss der Reise vorgelegt wurden. Eine Evaluation von ägyptischer Seite steht noch aus.

3. Der Workshop - die gemeinsame Arbeit

Acht Tage lang arbeiteten die Studenten der zwei Hochschulen gemeinsam täglich von 9 bis 16 Uhr in den verschiedenen Arbeitsgruppen Fotografie, Malerei, Holzschnitt/Linolschnitt, Typografie-Collage, Textiles Gestalten an dem gemeinsamen Thema STREIT ZWISCHEN WORT UND BILD. Um den verschiedenen Fachbereichen der Studenten gerecht zu werden, wurden die formalen Vorgaben auf die Definition des Formats (DIN A6 lang) beschränkt.

Ein Vortrag von Prof. Abdullah zur Wort-Bild-Problematik und Bildverständnis im Orient führte in die Problematik ein und warf die folgenden Arbeitsfragen auf: Wie wird in der muslimischen Kunst mit dem Bilderverbot umgegangen? Wie kann die „westliche“ Kunst sich kritisch aber gleichzeitig vertrauensvoll und respektvoll mit Problemen des interkulturellen Dialogs („Karikaturen-Streit“) umgehen. Des Weiteren stellten Studenten der Malerei ihre verschiedenen Auffassungen und Traditionen der Bildauffassung vor.

Bei Beginn der Gruppenarbeiten stellte sich heraus, dass verschiedene Begriffe, wie Techniken für die ägyptischen Studenten gänzlich neu waren. So war z.B. das Arbeiten nach Modell in der Malereigruppe für viele Ägypter das erste Mal bzw. der Begriff der Collage unbekannt. Entsprechend wurden Ihnen die Begriffe seitens der deutschen Teilnehmer erklärt bzw. die nötige technische Anleitung gegeben. Ähnlich wurden den ägyptischen Teilnehmern des Fotoworkshops seitens ihrer deutschen Kollegen technische Fragen zu den mitgebrachten Kameras beantwortet und theoretische Hinweise gegeben.

Bei einer Auswertungsrunde der ersten Ergebnisse kam es zu einer Diskussion zwischen den deutschen und ägyptischen Studenten, geprägt von heftiger Kritik und Unverständnis gegenüber den jeweiligen Arbeiten, vor allem im Bereich Grafikdesign Typografie. Einige Schlagworte von deutscher Seite waren: „buntes Geklebe, keine Freiräume, keine Spannung, Kitsch“. Prof. Abdullah versuchte die verschiedenen Wahrnehmungen und Ergebnisse kulturhistorisch zu erklären. Weitere Bemerkungen seitens der ägyptischen Studenten offenbarten auch gänzlich andere Direktiven in ihrer Ausbildung (z.B. wurde auf den Hinweis mangelnder Freiräume bei den Collagearbeiten entgegnet, bei Ihnen würden Freiräume auf dem Papier seitens des Professors bestraft).

Im weiteren Prozess des Workshops wurde versucht den thematischen Rahmen der Arbeit genauer zu bestimmen. So wurden von jedem Land zehn Leitbegriffe, welche das Leben der Jugend bestimmen, gefunden und als Arbeitsthema diskutiert. Begriffe wie Liebe, Freundschaft, Familie nahmen dabei den gleichen Stellenwert ein, während einzelne Lebensanschauungen weit auseinander drifteten. Religion z.B. war der drittwichtigste Begriff der Ägypter, welcher bei keinem der deutschen Studenten eine Rolle spielte. Dafür war Selbstverwirklichung ein deutsches Schlagwort, für das die Ägypter keine richtige Übersetzung fanden.

 Die Ausstellung am 23.Juli

Nach acht Tagen intensiver gemeinsamer Arbeit wurde in den Räumen des Goethe-Instituts eine Auswahl der Ergebnisse präsentiert. Bei der Auswahl der Arbeiten wurden, neben der Wiederholung der bereits vorgebrachten Kritikpunkte, auch Veränderungen konstatiert. Auf der Seite der deutschen Studenten kam u.a. die Frage auf, inwiefern die Arbeit mit Studenten der Fakultät für Freie Kunst andere und kreativere Ergebnisse gebracht hätte und ob die Studenten der Modeabteilung der Angewandten Künste zu sehr auf ihr Arbeitsgebiet fixiert wären.
Die Ausstellungseröffnung am 23. Juli in den Räumen des Goethe-Institut verzeichnete über 100 Besucher. Die Ausstellung wird im September von den ägyptischen Kollegen abgebaut und im Herbst bei ihrem Gegenbesuch mit nach Deutschland gebracht. Sie soll dann in der HGB ein zweites Mal zusammen mit den Ergebnissen aus der Begegnung in Leipzig aufgebaut werden.

4. Kultur- und Begleitprogramm

Neben der täglichen Arbeit stand die Suche nach kulturellen und historischen Berührungspunkten und Verflechtungen.
Ein Besuch galt dem Kriegsmuseum EL ALAMEIN, Schauplatz der entscheidenden Niederlage des Dritten Reichs in Nordafrika und damit Schnittpunkt der Geschichte beider Nationen. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschichte, transportiert durch teilweise auch schockierende Äußerungen, war Anlass für mehrere folgende Diskussionen.
So wurden die deutschen Studenten dabei mit einer gänzlich anderen Rezeption des Holocaust sowie des Dritten Reiches auf Seiten der Ägypter konfrontiert. Dieses sowie u.a. die Tatsache, dass das Buch „Mein Kampf“ auf arabisch in Bücherläden erhältlich ist, führte zur Überlegung, wie das Thema bei einem Besuch in Deutschland noch einmal aufgegriffen werden könnte.
Ein weiterer kultureller Programmpunkt war der Besuch der neuen Bibliothek Alexandria. Die alte Bibliothek, gegründet von Ptolemeus I im Jahre 288 v.Chr., ein unvergleichliches geisteswissenschaftliches Zentrum seiner Zeit (u.a. wurde hier erstmalig das Alte Testament aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt) war Anfang unserer Zeitrechnung zerstört worden. Auf den Appell der UNESCO im Jahre 1987 hin und mit internationaler finanzieller Unterstützung begann im Jahre 1995 der Bau und wurde im Jahre 2001 abgeschlossen. Die Gesamtkapazität beträgt acht Millionen Bücher.
Dass das Vergnügen bei den sommerlichen Temperaturen nicht zu kurz kam, dafür sorgte das gemeinsame Baden im Mittelmeer.
Ein eindrucksvolles Beispiel für arabische Kalligraphie erlebten die Studenten beim Besuch des Kalligraphen Mustapha `Abd Ibrahim Said. U.a. widmete er sich momentan der Aufgabe das Wort „Allah“ in tausend Varianten auf Papier zu bringen.

Ergänzende Bemerkungen:

70% der beteiligten ägyptischen Studenten wurde von Frauen gestellt. Während der gemeinsamen Arbeit und Unternehmungen als auch durch persönliche Erlebnisse ergab sich auf Seiten der deutschen Studenten eine äußerst negative Bewertung der Frauenrolle in Ägypten. So fiel den deutschen StudentInnen z.B. auf, dass die männlichen Studenten weitaus weniger motiviert arbeiteten, sich zum Teil bedienen ließen und sich von Aufräumarbeiten fern hielten, was von Seiten ihrer Kommilitoninnen mit den Worten entschuldig wurde: „sie sind für höhere Aufgaben bestimmt“.
Des Weiteren war es für viele sehr befremdlich einige der Frauen in „voller Montur“ baden gehen zu sehen, bzw. nicht tanzen zu dürfen sondern maximal zu klatschen.

5. Anmerkungen für die Weiterführung der Hochschulkooperation, basierend u.a. auf der Auswertung eines von den Studenten ausgefüllten anonymen Fragebogens

1. Empfohlen wird eine bessere Abstimmung der Altersgruppen, da die meisten ägyptischen Studenten bedeutend jünger waren, was einen Meinungsaustausch auf persönlicher wie fachlicher Ebene erschwerte.
2. Eine vorausschauende Abstimmung mit den Kooperationspartnern, was die am Austausch und Workshop beteiligten Fächer betrifft, könnte dem Selbstverständnis vieler HGB-Studenten als freie Künstler (im Gegensatz zur Modeabteilung der Helwan University) besser Rechnung tragen.
3. Eine vorausgehende Einschätzung des Niveaus der Workshopteilnehmer vor Ort, könnte die HGB-Studenten auf eine evtl. entstehende Lehrerrolle vorbereiten.
4. Bei der Vor- wie Nachbereitung könnte man z.B. Vorträge über interkulturelle, kulturhistorische sowie soziale und aktuelle gesellschaftspolitische Themen andenken.
5. Jenseits eines Workshops wäre ein Rahmen-Kulturprogramm mit einem Schwerpunkt auf Museen und Ausstellungen zeitgenössischer Kunst anstrebenswert. Unterschiede zwischen Hochschulkunst/ Staatlicher Kunst und Freier Kunstszene sowie versteckte strukturelle Zwänge und unterschiedliche Entwicklungen könnten so möglicher Weise sichtbar und nachvollziehbar werden. Bei begrenzten organisatorischen Kapazitäten wäre es z.B. durchaus denkbar, diese Besuche individuell durchführen zu lassen, aber gezielte Empfehlungen zu geben.

Als Gremium für die notwendigen Absprachen zwischen den Kooperationspartnern empfiehlt sich das alljährlich den Reisen vorausgehende Treffen der Hochschulvertreter (dieses Jahr geschehen Ende Mai an der HGB). Der Verein eurient e.V. wäre grundsätzlich bereit auch gerade hinsichtlich der Punkte 4. wie 5. Prof. Abdullah bei der Organisation zu unterstützen.

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